Die Befreiung der Nixe

Es waren doch tatsächlich Kaulquappen, die mich als erste bei meinem Besuch im Viktoriapark in Kreuzberg begrüßten. Unzählige schwammen im Teich am Fuße des künstlich angelegten Wasserfalls, – klein, samt-schwarz, rund, mit langem Schwanz.

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Kaulquappen gehören zu den Sommererinnerungen meiner Kindheit: Wie meine Schwestern und ich durch die große Wiese hinter unserem Grundstück runter bis zum kleinen Tümpel liefen, den wir in kindlicher Hybris Nordsee nannten. Sobald es warm wurde, war unsere Nordsee 😉 voller Kaulquappen. Das heißt, erst waren es schwabbelige Laichklumpen, irgendwie schon auch ein bisschen eklig. Mehr Freude machte es dann, den quirligen Kaulquappen beim Herumschwimmen und ihrer Verwandlung in Frösche zu zuschauen.

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Der Park rund um den Kreuzberg samt Nationaldenkmal und Wasserfall ist nach Kaiserin Victoria benannt, Ehefrau von Kaiser Friedrich III. und Tochter von Queen Victoria. Der Park wurde von 1888 bis 1916 angelegt und seit 1894 rauscht der Wasserfall aus 25 Metern Höhe in den Kaulquappen-Teich, angeblich soll er dem Zackelfall im Riesengebirge nachempfunden sein.

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Doch vor Park und Wasserfall war das Nationaldenkmal für die Befreiungskriege da. Karl Friedrich Schinkel wurde von König Friedrich Wilhelm III. mit dem Bau des Denkmals zur Erinnerung an die gefallenen Soldaten während der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 gegen Napoleon beauftragt. Angedacht war zunächst der Bau eines Doms, aus Spargründen wurde das fast 20 Meter hohe gusseiserne Monument in Form eines gotischen Tabernakels gestaltet, mit einem Eisernen Kreuz oben auf der Spitze.

Und so kam es, dass der 66 Meter hohe Hügel nicht mehr Sandberg, Runder Weinberg oder Tempelhofer Berg, sondern – seit der Einweihung des Nationalmonuments 1821 – Kreuzberg heißt. Hundert Jahre später, 1921, gab man auch dem Viertel rund um den Berg den Namen Kreuzberg. Seit 1968 wird wieder Wein auf dem Kreuzberg angebaut.

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Bei meinem Spaziergang hoch zum Nationaldenkmal kam ich am Mahnmal Wir haben Gesichter vorbei. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde es im Mai 2005 aufgestellt.

Es ist nicht bekannt, wer der Künstler oder die Künstlerin ist und wer das Mahnmal aufgestellt hat. Auf einer dreieckigen Platte, die an der rostig-rotbraunen Stele befestigt ist, steht:

„Hier wurde in der Nacht vom 18. auf dem 19. März 2002 eine Frau von zwei Männern vergewaltigt. Eine von Vielen. Jede Vergewaltigung ist Erniedrigung und Folter. Männergewalt und Frauenverachtung ist Krieg gegen Frauen. Vergewaltigungen an Frauen und Mädchen finden an jedem Ort statt, die meisten davon im Wohnbereich. Das Patriachat schafft hierarchische und ausbeuterische Beziehungen von Männern gegen Frauen. Sexismus ist Gewalt gegen Frauen im Alltag und im Staat. Überall da, wo wir die Gewalt spüren, sehen, von ihr hören – werden wir uns wehren, nicht schweigen! Mit der Entscheidung jeder Einzelnen und der Kraft und Vielfältigkeit der Frauenbewegung und mit Feministischem Widerstand werden wir das Patriachat abschaffen und Sexismus beenden. Solidarität • Widerstand • Öffentlichkeit! Greift ein!! Sagt Nein!“

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Die Inschrift unter dem Gesicht lautet:

„Wir haben Gesichter
Wir haben Augen
Wir haben Hände und Fäuste

Wir haben Träume
Wir haben Trauer
Wir haben Lachen
Wir haben Zorn

Wir leben
Trotz alledem
Wir kämpfen
Für Frauenachtung
Und
Gerechtigkeit

Das Mahnmal steht am Wegesrand, drängt sich nicht auf und ist doch nicht zu übersehen. Es hat nichts Gefälliges, – rostig und spitz, drückt es Schmerz, Verletzlichkeit, Härte und Wehrhaftigkeit gleichermaßen aus. Die Bronzekulptur Der seltene Fang des Bildhauers Ernst Herter, die am Kaulquappenteich steht, habe ich danach mit anderen Augen gesehen.

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Sie zeigt einen Fischer, der in seinem Netz eine Nixe gefangen hat. Die Nixe wehrt sich gegen die festen Griffe des Fischers. Ich stelle mir vor, dass sie sich im nächsten Moment befreit, zurück in den Teich springt und die Kaulquappen ihr hinterher schwimmen, erleichtert über ihre Befreiung.

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16 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Sabine,
    endlich weiß auch ich, woher Kreuzberg seinen Namen hat; ich freue mich immer wieder, wenn ich auf eine so informative, erzählende Art und Weise Neues über Berlin und seine Kieze erfahre…
    Auch die Skulptur ist Teil der Stadt, da hat sich jemand über Nacht den Platz genommen und gibt als MAHNMAL allen Frauen ein Gesicht, und auch ich sehe die folgende Skulptur mit ganz anderen Augen …
    Danke dir, auch für diesen Blickwinkel, und seine GESCHICHTE, die es immer noch viel zu häufig gibt, wobei ein einziges Mal ein Mal zuviel ist, und daher wohl auch in jeder Stadt als Mahnmal stehen könnte,
    nachdenkliche Grüße,
    Mia

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    1. Sabine Marx sagt:

      Ja, liebe Mia, ich finde es gut, wichtig und beeindruckend, dass sich da jemand oder mehrere jemande sich den Platz genommen haben und dass das Mahnmal auch stehen gelassen wurde.

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  2. Urs Küenzi sagt:

    Liebe Sabine
    Danke für die ausführlichen Beschreibungen des Kreuzbergs. Die Stele, welche an Vergewaltigung erinnert macht mich betroffen. Solche sollten eigentlich überall errichtet werden, wo eine Frau Gewalt erfährt. Und der Spruch fühlt sich nach den zwei muslimisch-feministischen Büchern, die ich gerade gelesen habe, sehr anders an. So von wegen ‚Wir haben Gesichter‘ und Gesichtsverschleierung.
    Liebe Grüße, Urs

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    1. Sabine Marx sagt:

      Ja, das kann ich nachempfinden. Ich bin neugierig, welche Bücher du da gerade gelesen hast.

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      1. Urs Küenzi sagt:

        Zana Ramadani – Die verschleierte Gefahr (besser als der reisserische Titel) und Mona Eltahawy – Warum hasst ihr uns so? (macht betroffen, weil die Zahlen für sich sprechen) Jedenfalls wird klar, dass ohne Emanzipation und sexuelle Revolution nichts geht. Selbst in unseren ‚westlichen‘ Gesellschaften ist die Gleichberechtigung ja noch nicht in allen Bereichen durchgesetzt.
        Liebe Grüße, Urs

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  3. Miss Novice sagt:

    Liebe Sabine,
    hast mich wieder mal in meine Vergangenheit entführt: hab 2 Jahre in der Fidicinstraße gewohnt, der Viktoriapark war unser Garten; und Kaulquappen hab ich mit meiner Schwester auch jeden Sommer gefangen (zwei Mal sind sie uns auf der Fensterbank „verkocht“ …). LG von Amy, die in der Gegenwart ganz viel im Weinberg steht, bis nächste Woche!

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    1. Sabine Marx sagt:

      Da hattest du aber einen schönen Garten. 🙂 Wobei es mittlerweile auch viele Beschwerden gibt, von wegen zu laut, zu viel Glas und Müll, der einfach liegen gelassen wird. Ich glaube im Winter, wenn es zu kalt ist, um auf den Liegewiesen zu chillen, hat der Park nochmals einen ganz eigenen Zauber… Und – Schocking! – deiner Schwester und dir sind Kaulquappen „verkocht“, na, wenn das jetzt mal Tierschutz-Aktivisten hier nicht mitlesen! 😉 Noch viel Power für die Arbeit im Weinberg!

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  4. kuechenmarie sagt:

    Liebe Sabine,

    wenn ich diese Bronzeskulptur sehe, überkommt mich das Grausen., Brachiale Männergewalt tobt sich da aus. Ich bin eigentlich ein eher optimistischer Mensch, aber die Befreiung der Nixe sehe ich nicht wirklich. Zu patriarchaisch kommt das ganze daher. Immerhin gut, dass mit dem Mahnmal „Wir haben Gesichter“ ein Kontrapunkt gesetzt ist. Ich staune mal wieder, welch versteckte, unbekannte Seiten Berlin hat. Diesen Viktoriapark werde ich mir auf jeden Fall mal ansehen. Zumal es eine Verbindung zwischen dieser Königin Viktoria und meiner alten Heimat Kronberg im Taunus gibt. Königin Viktoria hat nach dem Tod ihres Mannes die letzten zehn Jahre ihres Lebens in Kronberg im dortigen Schloß (das heute ein Nobelhotel ist) verbracht. Sie hat sich selbst damals den Namen Kaiserin Friedrich gegeben.
    Danke für die vielgestaltigen Anregungen in diesem Beitrag.
    Liebe Grüße
    Anne

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    1. Sabine Marx sagt:

      Vielleicht hast du Recht, dass ich mir da schon einen sehr positiven Ausgang der Geschichte für die Nixe vorstelle… Aber, hey, in Träumen ist alles möglich und die Kraft von Nixen (und Frauen) darf nicht unterschätzt werden. Vor allem von uns Frauen nicht. – Danke dir für den Hinweis auf Kaiserin Friedrich und ihre letzten zehn Jahre. Herzliche Grüße!

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  5. Ulrike sagt:

    Liebe Sabine,
    bei den Kaulquappen musste ich auch sofort an meine Kindheit denken – die habe ich oft in einem Waldsee beim Sportplatz beobachtet. Ich hoffe, die Kaulquappen können der befreiten Nixe ihre Unbeschwertheit zurück geben.
    Danke, dass du meinen Blick auf das „Wir haben Gesichter“-Mahnmal gelenkt hast. Ein ergreifender Aufschrei, der auch dem Vandalismus gegen das Werk trotzt.
    Den Viktoriapark möchte ich so bald wie möglich mal kennenlernen und werde dabei gerne deinen Spuren folgen.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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  6. Sabine Marx sagt:

    Ich finde es schön, dass du, genau wie Amy auch, diese Kaulquappen-Erinnerung mit mir teilst. Fühlt sich sehr verbindend an. 🙂 Der Vandalismus hat mich auch gestört, aber es ist genauso, wie du schreibst: Er kann der Wirkung des Mahnmals nichts anhaben.

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  7. Martina Droste sagt:

    Liebe Sabine, dein Blogbeitrag, die Befreiung der Nixe, motiviert oder animiert (?) mich bald mal wieder auf den Kreuzberg zu gehen und mit wacheren Augen zu schauen. Die „Spaziergänge“ mit dir bzw deinem Blog sind immer so erfrischend und lehrreich zugleich. Und für Grusel-Momente wie den des Anblicks der Fischer-Statue findest du Worte, die einen weiter atmen lassen. Das tut gut. Dein Ansichten- Blog ist eine tolle Empfehlung für alle Berlin-Fans und Stadt-Spaziergänger. Herzlichen samstäglichen Gruss von Martina.

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  8. Liebe Sabine,
    als ich in der Yorckstraße gelebt habe, war ich oft im Park, auch auf dem Kreuzberg. „Damals“ (2006) zu sehr mit mir selbst beschäftigt habe ich weder Kaulquappen noch Mahnmal oder Skulptur gesehen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel die Stadt zu erzählen hat, wenn man nur gewillt ist, aufmerksam zuzuhören.
    Vor der Geschichte der Vergewaltigung empfinde auch ich die Skulptur — ähnlich wohl wie Anne — geradezu als Affront.
    Mich würde interessieren: wusstest du schon vor dem Besuch des Parks, womit dein Blogbeitrag sich beschäftigen würde oder waren das sozusagen Zufallsfunde?
    Danke fürs Augen Öffnen,
    Fe.

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    1. Sabine Marx sagt:

      Liebe Fe.
      manchmal lese ich mir ein paar Infos durch, manchmal lasse ich mich aber auch einfach treiben und gerne überraschen. Über was genau ich schreibe, weiß ich daher immer erst nach den Spaziergängen. Bei Viktoriapark und Kreuzberg las ich z. B. vorher von der Skulptur und dem Mahnmal. Was ich nicht vorher wusste, war die Wirkung, die sie vor Ort auf mich hatten.
      Herzliche Grüße, Sabine

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  9. Kaulquappen – ich fasse es nicht. Ich wohne direkt neben dem Wasserfall und habe sie noch nie gesehen! Das ist ja echt mal eine Neuigkeit! Und die Nixe: die hat manchmal lustige Sachen an, vor allem natürlich im Winter, wenn es kalt wird. Oft sind es nur verlorengegangene Utensilien von Spaziergängern oder Rodlern. Manchmal jedoch macht sich jemand richtig Mühe und gestaltet das Denkmal kleidungsmäßig um. Das ist schon cool. Sowas wie Kunst im Vorübergehen oder so…

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    1. Sabine Marx sagt:

      Kunst im Vorübergehen, das hört sich gut an. Dann werde ich jetzt im Herbst und Winter mal darauf achten, wie die Nixe sich modisch verändert. 🙂 Sonnige Grüße!

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